Braunlage im Harz war lange Zeit der Inbegriff stehengebliebener Zeit. Doch seit 2013 wird aktiv und intensiv an der Ortsentwicklung zu einem attraktiven Touristenziel gearbeitet. Eine Bestandsaufnahme.

Braunlage im Herbst 2010

Die Ankunft in Braunlage gleicht einer Zeitreise in die 1970er Jahre: Die Fassaden der Häuser sind im dunkelbraunen Stil der alten Harz Häuser gehalten und das Interieur so mancher Geschäfte erinnert an meine Kindheit. Alles wirkt irgendwie angestaubt.
Monsterroller in Braunlage

Es ist wenig Aufbruchstimmung wie beispielsweise auf Norderney zu verspüren. Wer auf der Suche nach einem Restaurant mit moderner Küche und stylsichem Ambiente ist, wird enttäuscht. Die bestbesuchten Lokale sind die Italiener und die Griechen. Das Ambiente kommt auch direkt noch aus den Anfängen der Zeit, als diese Restaurants in Deutschland aus dem Boden schossen und “angesagt” waren. Das musss in den 1980er gewesen sein. Seitdem hat sich wahrnehmbar nicht viel verändert.
Alternativ kann man eine der “gutbürgerlichen” Gaststätten aufsuchen. Jedoch ist die Situation die Inneneinrichtung und die Speisekarte betreffend ähnlich ernüchternd. Restaurants mit moderner Küche und ausgefallenen Ideen sind eher Mangelware. Das mag für junge Gäste des Ortes Braunlage ebenso gelten. Ich hege den Verdacht, einem Henne-Ei-Problem auf der Spur zu sein. Mit der Einschätzung scheine ich nicht alleine dazustehen. Monika Herbst weiß im Jahr 2010 über ähnliche Erfahrungen zu berichten.
Auch sonst wird es schwierig, der Stadt mit den knapp 7000 Einwohnern infrastrukturell oder kulturell etwas “Ausgefallenes” zu entlocken. Das Eisstadion versprüht mit seiner Architektur den Charme eines Parkhauses und das Kurgastzentrum wirkt mit seinem dunkelbraun furnierten Möbeln und den Konzertaushängen von diversen Blaskapellen und Heimatchören auch nicht gerade wie ein Bekenntnis zur Moderne, sprich den 2010er Jahren. TripAdvisor führt unter “Aktivitäten” für Braunlage lediglich die grünen Monsterroller, mit denen man den Wurmberg runter fahren kann. “Sehenswürdigkeiten” sind keine verzeichnet. Kleiner Trost: Den Kräuterschnaps “Schierker Feuerstein” gibt es nahezu in jedem Geschäft (vom Kiosk bis zum Bäcker) in den unterschiedlichsten Flaschengrößen zu beziehen.

Sehenswürdigkeiten in Braunlage
Die Sehenswürdigkeiten in Braunlage sind eher Mangelware (Screenshot: Tripadvisor)

Was also treibt eine junge Familie nach Braunlage? Klar, der Harz, die Natur. Und die ist überwältigend. Kaum aus der Ferienwohnung getreten, stehe ich schon im Grünen. Der Kurpark beherbergt zum Glück nicht nur das antiqierte Kurgastzentrum, sondern ist auch einer seiner größten Art. Er beherbergt einen richtigen Wald und einen schön angelegten Jedermanns Golfplatz bzw. neun Bahnen für Fußball-Golf. Warum steht das eigentlich nicht bei TripAdvisor? Wenn man an Braunlage denkt, gehört der Wurmberg natürlich dazu. Auch hier kann man wunderbar laufen – etwas was 2010 sogar noch mehr gilt als drei Jahre später. Dazu später mehr.

Braunlage im Herbst 2013

Bei den Überlegungen, einen Kurztrip in den Harz zu machen, waren wir uns diesmal des zu erwartenden Angebots bewusst. Meine Maßstäbe waren “kalibriert” und ich habe von Anfang an keine allzu hohen Erwartungen an die kulinarischen Möglichkeiten des Ortes angelegt. Der Antrieb war die Natur und die Möglichkeit, diese in einem Nationalpark auch nahezu ungestört zu erleben. Nicht umsonst ist der Harz ein großer Nationalpark. Die Unterkunft war eine Ferienwohnung der Bergwelt Braunlage, einem Unternehmen welches u.a. den insolventen Schleckermarkt inkl. Gebäude übernommen hatte und dieses komplett saniert hat. Das Ergebnis sind sehr saubere und ordentliche Ferienwohnungen, die mit einem sehr freundlichen Personal und einem unschlagbaren Preis-Leistungs-Verhältnis aufwarten. Trotz direkter Lage an der Durchgangsstraße von Braunlage hörte man bei geschlossenen Fenstern keinen Straßenlärm und wir konnten so die zentrale Lage genießen. Nahezu alle Ziele wie der Wurmberg oder der Kurpark waren in wenigen Gehminuten zu erreichen. Ideal mit Kindern.

Was mir sofort aufgefallen ist: Braunlage hatte in den vergangenen drei Jahren einige interessante Restaurants hinzubekommen. Zu nennen wären hier auf jeden Fall das “Harz Heimat” sowie die “Kleine Auszeit”. Ersteres ist ein Bistro in der Marktstrasse 1 in Braunlage und wird von der Fleischerei Lambertz betrieben. Die Innenarchitekten haben hier bewiesen, dass Harzer Tradition und Moderne kein Widerspruch sein müssen. Die Speisen sind größtenteils gutbürgerlich – dabei jedoch von ausgezeichneter Qualität und einem günstigen Preis. So hat ein Rumpsteak (200 Gramm) ca. 15 Euro gekostet. Andere Speisen gibt es schon für deutlich unter 10 Euro. Für Menschen, die gerne abends zu Hause essen: Das “Harz Heimat” verkauft die Speisen auch außer Haus. Einfach 20 Minuten vorher anrufen und dann abholen. Diesen Service bekommt man in der Kleinen Auszeit nicht. Hier wird auf gehobene Küche Wert gelegt und dementsprechend kann nur im Restaurant gegessen werden, wenn die Speisen auch mit kurzem Weg von der Küche auf den Tisch kommen. Die Speisekarte zeigt eine moderne, hochwertige Küche. Im Herbst ergänzend kann man diverse Pilzgerichte bekommen. Einfach klasse – sowohl für Gäste als auch für Braunlage.

Auf halbem Wege bei der Mittelstation des Wurmbergs befindet sich das Rodelhaus. Ein bekennendes Slow Food Restaurant und auch atmosphärisch etwas Besonderes. Für moderate Preise können Wanderer (und Rodler) einkehren und bei hochwertigen Speisen eine Pause einlegen.

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Auch was die Geschäfte angeht, kommt etwas Bewegung nach Braunlage. Zu erwähnen wäre z.B. die Salzwelt Braunlage – ein modern wirkender Shop für Wellness- und Deko-Artikel und zwei Salzräumen, in denen man im Harz die gesunde Brise der Nordsee-Brandung bekommen kann. Dennoch stehen viele Geschäfte leer. Wir treffen ein älteres Ehepaar. Sie haben eine eigene Ferienwohnung in Braunlage und kommen seit Jahrzehnten gerne hierher. Das “gerne” wird betont. Im Gespräch wird kritisiert, dass jahrelang “abkassiert und nicht investiert” worden sei. Dies wandele sich zum Glück jetzt.

Die Aufbruchstimmung lässt sich am besten am Wurmberg selbst beobachten. In den vergangenen drei Jahren wurden zahlreiche Bäume abgeholzt, um neuen Skipisten Platz zu schaffen. Österreichische Alpinbau-Unternehmen fahren mit ihren Fahrzeugen hin und her. Die neuen Pisten sind gesäumt von fest installierten Beschneiungsanlagen, die wie kleine Kräne alle 50 bis 100 Meter am Hang stehen und von einem Wasserspeicher am Gipfel gespeist werden. Das mag im Winter schick sein, sieht zu den übrigen Jahreszeiten jedoch ziemlich trostlos aus. Ich persönlich frage mich auch, ob der Wurmberg gegen alpine Skigebiete wirklich mitkommt oder ob sich hier der ein oder andere Lokalpolitiker nicht ein Denkmal setzen möchte. Ich wünsche dem Tourismusverband in Braunlage, dass die Rechnung aufgeht. Das Laufen am Wurmberg hat 2010 jedenfalls mehr Freude gemacht, weil mehr Natur offensichtlich war. Bleiben die Sommergäste jedoch aus, weil der Berg mit mondähnlichen Skipisten durchzogen ist, könnte aus der Winter-Strategie schnell ein Bumerang werden.

Alles in allem möchte ich dem Ort Braunlage ein gutes Zeugnis ausstellen. Es gibt wirklich viel zu entdecken und zu erleben in Braunlage und Umgebung und der Wahlspruch “Das Herz im Harz” ist geographisch nicht von der Hand zu weisen: Man erreicht viele schöne Ecken, wie z.B. den Löwenzahnpfad in Drei Annen Hohne in wenigen Auto- oder Gehminuten. Die Menschen (Einheimische wie Gäste) sind sehr (kinder-)freundlich, gut gelaunt und hilfsbereit – das ist es, was zählt. Viele Dinge, die jetzt verändert werden, lassen mich neugierig auf die nächsten Besuche werden.