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Höchst unwahrscheinliche Ereignisse wie z.B. Flugzeugabstürze oder Zugunglücke erscheinen dann doch auf einmal sehr wahrscheinlich und nervös steigt man lieber auf das Auto um oder hat beim Zug fahren ein ungutes Gefühl. Statistisch ist man damit dem Verfügbarkeitsfehler aufgesessen.

Am 24.3.2015 stürzte in den französischen Alpen ein Airbus A320 der Fluglinie German Wings ab. Wie sich später herausstellen sollte, war der Co-Pilot Andreas L. für die Katastrophe verantwortlich, der die Maschine absichtlich gegen ein Felsmassiv flog. 149 weitere Menschen starben. Viele Menschen steigen nach solchen Unglücken auf andere (vermeintlich sicherere) Verkehrsmittel um. Warum ist das so?

Nun führt ein Flugzeugabsturz (unabhängig von den Ursachen) immer wieder zu großem medialen Echo und die anschließenden Diskussionen drehen sich dann häufig um die Risiken des Fliegens im Allgemeinen und oft um die Sicherheitsrisiken und damit verbundenen Forderungen von Politikern im Speziellen. Viele Menschen (mich eingeschlossen) steigen in den nächsten Tagen und Wochen mit einem unguten Gefühl in ein Flugzeug und überlegen, ob es nicht klüger wäre, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen. Dafür gibt es statistisch und damit faktisch gesehen keinen Grund – nahezu alle Alternativen zum Flugzeug sind fehleranfälliger und damit leider auch tödlicher. Es ist also an der Zeit, tief durchzuatmen und einmal den Blick zu heben auf die Fakten und auf den Umstand, warum wir das Fliegen – insbesondere mit betroffenen Airlines (German Wings) oder Flugzeugen eines bestimmten Fabrikats (Airbus A320) als aktuell so „unsicher“ empfinden.

Was ist eigentlich das sicherste Verkehrsmittel?

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Unfallstatistiken der einzelnen Verkehrsmittel. Die normierte Kenngröße ist “Todesopfer pro 100 Millionen zurückgelegter Kilometer”. Dann kommen wir zu folgender Erkenntnis:

Am gefährlichsten ist der Weg zu Fuß zur Arbeit. Pro 100 Millionen Personenkilometer sterben statistisch 6,4 Personen. Mit dem Auto sind es immerhin 0,7 Personen. Das bedeutet (jetzt wende ich eine abgewandelte Form des denominator neglects an) in Deutschland sterben alle 14 Tage so viele Menschen wie beim Absturz von German Wings  4U9525 im Straßenverkehr. Auf 100 Millionen Personenkilometer bezogen sind statistisch tatsächlich das Flugzeug und die Bahn gleich sicher.

Todesfälle pro 100 Mio. Personenkilometer
Todesfälle pro 100 Mio. Personenkilometer – das Flugzeug und die Bahn sind die sichersten Verkehrsmittel auf Strecke. Quelle: ETSC
VerkehrsmittelTodesfälle / 100 Mio. Personenkilometer
Zug0,035
Flugzeug0,035
Fähre0,25
Auto0,7
Zu Fuß6,4

Jetzt mögen einige Leser einwenden, dass die Bezugsgröße “100 Millionen Personenkilometer” bei Spaziergängen etwas hinkt. Es liege ja nahe, dass man mit dem Flugzeug längere Strecken zurücklege als per Pedes. Ich möchte daher noch eine zweite Bezugsgröße nennen und auch diese Zahlen nicht vorenthalten. Diese Bezugsgröße ist “Pro 100 Millionen Reisestunden”. Dann ergibt sich in etwa ein ähnliches Bild. Wer auf dem Jakobsweg läuft, ist in gleichem Maße gefährdet wie die Personen, die mit dem Auto zu McDonalds unterwegs sind. Das Flugzeug landet nun mit 16 statistischen Todesfällen auf einen mittleren Rang und am sichersten ist weiterhin die Bahn. Nur böse Zungen würden behaupten, dass läge an den langen Wartezeiten am relativ sicheren Bahnhof.

Todesfälle pro 100 Mio. Personenstunden
Todesfälle pro 100 Mio. Personenstunden – Am sichersten ist weiterhin die Bahn und die Fähre. Quelle: ETSC
VerkehrsmittelTodesfälle / 100 Mio. Reisestunden
Zug2
Fähre8
Flugzeug16
Auto25
Zu Fuß25

Nun wäre also zunächst einmal geklärt, dass das Flugzeug in der Tat als relativ sicher gilt. Wer aus Sicherheitsbedenken heraus darüber nachdenkt, das Verkehrsmittel zu wechseln, sollte also auf jeden Fall auf den Zug ausweichen und nicht mit dem Auto fahren. Doch warum entscheiden so viele Menschen nach Flugzeugunglücken entgegen den Fakten irrational und steigen auf Verkehrsmittel um, die nachweislich ein höheres Risiko bergen?

Warum empfinden wir das Fliegen als so gefährlich?

Entgegen der objektiven Risiken und damit entgegen von statistischen Wahrscheinlichkeiten nimmt unser Gehirn die Gefahrenlage anders wahr als die Fakten nahelegen. Dafür gibt es auch einen wissenschaftlich erforschten Grund. Daniel Kahneman spricht in diesem Zusammenhang von der “Psychologie der Verfügbarkeit”.

Die Psychologie der Verfügbarkeit

Ausschlaggebend für die subjektive Risikoabschätzung ist dabei, wie präsent (verfügbar) Ihnen Beispiele für ein Ereignis oder Risiko einfallen. Diese Art, Heuristiken zu bilden ist typisch für unser Gehirn:

“Wie andere Urteilsheuristiken ersetzt auch die Verfügbarkeitsheuristik eine Frage durch eine andere: Sie wollen die Größe einer Kategorie oder die Häufigkeit eines Ereignisses abschätzen, aber Sie berichten darüber, wie leicht Ihnen Beispielfälle eingefallen sind.” (Kahneman, S. 165 dt. Ausgabe)

Auf diese Weise überschätzen Menschen geringe statistische Wahrscheinlichkeiten, denn größere Katastrophen wie Flugzeugunglücke werden häufiger in den Medien aufgegriffen als andere – viel wahrscheinlichere und damit in Summe öfter auftretende Ereignisse werden von der subjektiven Wahrnehmung ausgeblendet.

Verfügbarkeitsfehler und die Wahrnehmung

Diese Fehleinschätzungen werden “Verfügbarkeitsfehler” genannt und wurden unter anderem von Paul Slovic – einem der führenden Forscher auf dem Gebiet – mit einem sehr interessanten Experiment verdeutlicht. In diesem Experiment wurden Probanden gebeten, Paare von Todesursachen zu betrachten und zu entscheiden, welche Todesursache wohl häufiger vorkomme. Die Ergebnisse sind verblüffend. So wurde z.B. der Tod durch Krankheit als etwa gleich wahrscheinlich wie der Tod durch Unfälle eingeschätzt. In Wahrheit sterben durch Krankheiten etwa 18-mal so viele Menschen. Tornados seien nach Annahme der Probanden für mehr Todesfälle verantwortlich als Asthma. In Wahrheit fordert Asthma zwanzigmal mehr Todesopfer (vgl. Kahneman, S. 174 dt. Ausgabe).

Warum kommt es zu Verfügbarkeitsfehlern?

Kahneman beantwortet die Frage eindeutig:

“Die Lektion ist klar: Einschätzungen von Todesursachen werden durch die Medienberichterstattung verzerrt. Die Berichterstattung ihrerseits wird durch Neuigkeit und Prägnanz verzerrt.” (Kahneman, S. 174 dt. Ausgabe)

Mit anderen Worten: Der Mensch giert nach Neuigkeiten und Flugzeugabstürze sind solche Neuigkeiten – zumal eines, was  mit einem Schock-Risiko verknüpft ist. Wer die Berichterstattung zum German Wings Absturz 4U9525 aufmerksam verfolgt hat, wird von neutraler, zurückhaltender journalistischer Arbeit bis reißerischem Aufmacher alles gesehen haben. Insbesondere Revolverblätter glänzen mit immer wieder neuen “Enthüllungen” oder Interviews mit Menschen, die einen Nachbarn eines Opfers gekannt haben. Bei all dieser Präsenz wird Emotionalität bedient und diese ist extrem stark mit dem Verfügbarkeitsfehler verknüpft. Dazu schreibt Kahneman treffenderweise:

“(…) Unsere Erwartungen bezüglich der Häufigkeit von Ereignissen werden durch die Verbreitung und emotionale Intensität der Nachrichten, denen wir ausgesetzt sind, verzerrt.” (Kahneman, S. 175 dt. Ausgabe)

Nassim Nicholas Taleb schreibt in ähnlicher Weise in seinem Buch “Antifragilität”:

“Täglich sterben 6200 Menschen in den USA, darunter viele aus Gründen, die vermeidbar gewesen wären. Die Medien berichten aber lediglich über die anekdotenhaften, sensationellen Fälle (Hurrikans, außergewöhnliche Unfälle, Flugzeugabstürze), was unserer innere Landkarte hinsichtlich der tatsächlichen Risiken vollkommen verzerrt.”

Die Gefahren von Verfügbarkeitsfehlern

Verfügbarkeitsfehler können sich – insbesondere durch intensive Berichterstattung und der daraus resultierenden Furcht der Bevölkerung – zu sog. “Verfügbarkeitskaskaden” entwickeln. Kahneman definiert die Verfügbarkeitskaskade wie folgt:

“Eine Verfügbarkeitskaskade ist eine sich selbst tragende Kette von Ereignissen, die vielleicht mit den Medienberichten über ein relativ unbedeutendes Ereignis beginnt und zu öffentlicher Panik und massiven staatlichen Maßnahmen führt.” (Kahneman, S. 179 dt. Ausgabe)

Reflexartig fordern Politiker z.B. nun eine Ausweispflicht mit der Begründung, es handele sich um ein Sicherheitsrisiko, solche eine nicht zu haben. Man hätte ja nicht alle Opfer der abgestürzten Maschine sofort identifizieren können. Mir persönlich erschließt sich diese Kausalkette “Sicherheitsrisiko – Identifizierung von Opfern” nicht. Dennoch dürfte sie bei so manchem Menschen auf offene Ohren gestoßen sein. Dem möchte ich entgegen halten: Abschließbare Cockpit-Türen wurden nach den Terroranschlägen vom 11.9.2001 aus einer anderen Verfügbarkeitskaskade heraus eingeführt. Die gleichen Leute, die diese Maßnahme in ihrer verzerrten Wahrnehmung seinerzeit beklatscht haben, konnten am 24.3.2015 die Kehrseite dieser Medaille in den französischen Alpen betrachten. Da wurde nämlich deutlich, das man mit abschließbaren Cockpit-Türen nicht nur Terroristen aus- sondern sich auch psychisch kranke Piloten einschließen können.

Ich möchte daher dazu aufrufen, den Blick zu heben und auf solche Phänomene mit etwas Distanz zur Emotionalität zu reagieren und nicht jedem populistischen Ruf zu folgen. Langfristig ist dies oft besser als sich im ersten Schock-Moment von seinen Emotionen (ver-)leiten zu lassen. Am sinnvollsten ist in meinen Augen eine Berücksichtigung von psychologischen Erkenntnissen bei der Konzeption von politischen Entscheidungen. Auf diese Weise wird der Furcht der Bevölkerung genauso gerecht wie dem Expertenwissen, welches dringend für gute Entscheidungen benötigt wird.

Was haben Flugzeug-Abstürze mit schwarzen Schwänen zu tun?

Zu guter Letzt: Was hat das soeben Geschriebene eigentlich mit “Schwarzen Schwänen” zu tun? So mancher mag einwenden: “Das hier könne maximal mit gelben Kranichen (Lufthansa) in Zusammenhang gebracht werden.”
Im 17. Jahrhundert glaubten die Menschen, es gäbe nur weiße Schwäne. Die Vorstellung, Schwäne könnten auch schwarz sein, war mehr als absurd und lag außerhalb jeden Vorstellungsvermögens. Der Philosoph Nassim Nicholas Taleb hat den Begriff des schwarzen Schwan synonym für sehr seltene jedoch mit großen Auswirkungen verbundenen Ereignissen geprägt. Dazu zählen z.B. Atomunfälle, Wirtschaftskrisen oder eben Flugzeugabstürze. Insbesondere solch höchst unwahrscheinlichen, jedoch (sehr) veheerende Ereignisse führen dazu (eben schwarze Schwäne), dass wie oben beschrieben, dem Ereignis oft mit irrationalen Verhalten begegnet wird.

Letzte Anmerkung: Ein Flugzeugunglück ist zwar per se ein schwarzer Schwan, zieht jedoch das Gesamtsystem “Fliegen” nicht in den Abgrund. In anderen Lebensbereichen kann das durchaus anders sein (siehe z.B. Immobilienblase 2008, drohende Atomkriege etc.).

Lesenswerte Buchabschnitte zum Thema “Verfügbarkeitsfehler”

Wer dieses Thema noch weiter vertiefen möchte und weitergehende Informationen und Hintergründe zu Verfügbarkeitsfehlern erhalten möchte, dem empfehle ich folgende Kapitel in Daniel Kahnemans Buch “Schnelles Denken, langsames Denken”:

  1. Kapitel 12: Die Wissenschaft von der Verfügbarkeit
  2. Kapitel 13: Verfügbarkeit, Emotionen und Risiko

 

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