Leben nach der Uhrzeit am Flughafen Amsterdam

Viele Menschen glauben, dass Multitasking a) möglich ist und b) obendrein produktiv. Die Erkenntnisse aus der Hirnforschung der letzten Jahre widersprechen diesem Mythos klar. Ganz im Gegenteil: Zum einen gibt es kein echtes Multitasking des Gehirns auf bewußter Ebene und zum zweiten ist das ständige Hin- und Herspringen zwischen unterschiedlichen Aufgaben zutiefst ineffizient. 
Wirtschaftlich beziffert, können bis zu 40% der Produktivität durch vermeintliches Multitasking verloren gehen.

Was ist Multitasking?

Zunächst einmal: Es gibt kein Multitasking auf der bewußten Ebene des Denkens. Allenfalls ist es möglich, sehr schnell zwischen unterschiedlichen Tätigkeiten hin- und herzuspringen. Nun wird der ein oder andere einwenden, dass es genügend Beispiele gibt, wo man durchaus mehrere Dinge parallel machen kann: Autofahren und sich mit dem Beifahrer unterhalten ist z.B. so ein Fall. Richtig, dem kann ich nicht widersprechen. Allerdings handelt es sich beim Autofahren um einen geübten Automatismus; das Lenken und Schalten passiert im Unterbewußten. Daniel Kahneman (Nobelpreisträger und Autor des Buches „Thinking, Fast and Slow“), spricht hier vom „System 1“ des Gehirns, dem Unterbewußtsein, welches sehr schnell automatisierte, reflexartige Entscheidungen treffen kann. „System 2“  – das bewußte Denken, welches eher träge ist, dafür jedoch Unbekanntes bearbeiten kann – übernimmt in diesem Beispiel das Unterhalten. Sobald jedoch eine unbekannte oder unvorhersehbare Situation beim Autofahren entsteht, die auch das bewußte Denken benötigt (z.B. läuft plötzlich ein Kind auf die Straße), wird die Unterhaltung (System 2) eingestellt und die volle Aufmerksamkeit von System 2 gilt dem Autofahren, um die hier dargestellte Gefahrensituation zu meistern. Übrigens reicht oft schon das Einfahren in eine vielbefahrene Kreuzung, um System 2 mit dem Autofahren zu beschäftigen. Andere kognitiv bewusst ablaufende Tätigkeiten werden in dieser Zeit unterbrochen – auch wenn es für den Menschen selbst vielleicht nicht wahrnehmbar ist.

Multitasking im ursprünglichen, technischen Sinne definiert die gleichzeitige Bearbeitung von Aufgaben in Computer-Prozessoren. Wenn diese CPUs nur einen Kern besitzen, ist Multitasking allenfalls ein schnelles Abwechseln unterschiedlicher Aufgaben. Erst bei Mehrkernprozessoren, bei denen jeder Kern eine Aufgabe übernehmen kann, kann von echtem Multitasking gesprochen werden. Das menschliche Gehirn ist vergleichbar mit einem Einkernprozessor. Das Gehirn hat sich auf Grund der steigenden Komplexität unserer Lebenswelt allenfalls an das schnellere Umschalten zwischen Tätigkeiten gewöhnt. Eine evolutionäre Entwicklung in Richtung echtem Multitasking hat in den letzten 100.000 Jahren sicher nicht stattgefunden

Multitasking ist eine Arbeitsunterbrechung

Multitasking ist streng genommen eine Arbeitsunterbrechung. Arbeitsunterbrechungen können externer oder interner Art sein. Externe Arbeitsunterbrechungen werden – wie der Name schon sagt – durch äußere Umstände hervorgerufen. Dies kann ein Anruf sein, eine eingehende E-Mail oder der Kollege, der auf einmal vor dem eigenen Schreibtisch steht. Diese Unterbrechungen sind zeitlich nicht vorhersehbar oder steuerbar. Darüber hinaus gibt es natürlich auch noch die internen Arbeitsunterbrechungen, also die selbstgewählten Sprünge zu unterschiedlichen Tätigkeiten. Der Klassiker ist dabei wohl der Blick auf daseigene Smartphone oder in die Facebook Timeline. Am Ende macht es wenig Unterschied: Man beschäftigt sich mit mehreren Aufgaben im gleichen Zeitfenster.

Mythos Multitasking

Das schnelle Wechseln zwischen Aufgaben, die komplexer Denkvorgänge bedürfen, hat massive negative Einflüsse auf unsere Leistungsfähigkeit. So beschreibt der Wissenschaftler John Medina, Autor des Buches „Brain Rules“Edit unter anderem, dass „Multitasker“ mehr Fehler machen (bis zu 50%) und auch länger brauchen (ebenfalls bis zu 50% länger), um eine Einzelaufgabe zu erledigen. In einigen wissenschaftlichen Studien ist nachgewiesen worden, dass der IQ während des „Multitaskings“ um bis zu 15 Punkte reduziert wird. Mit anderen Worten: Das ständige Hin- und Herspringen zwischen anspruchsvollen Aufgaben macht also auf Dauer dumm. Diese These wird durch diverse Studien untermauert. So konnten Wissenschaftler der US-Uni in Utah in Tests nachweisen, dass die Fahrleistung von Menschen, die nebenbei telefonieren oder gar SMS schreiben denen von Fahrern mit bis zu 0,8 Promille gleichen.

15 Minuten bis zur vollen Konzentration

Wissenschaftlich erwiesen ist mittlerweile, dass der Mensch ca. 15 Minuten ungestörten Arbeitens benötigt, um sich einer Sache konzentriert und damit produktiv widmen kann. Mit anderen Worten: Wer mit einer Tätigkeit beginnt, ist erst nach 15 Minuten voll bei der Sache. Dies gilt nun auch für Unterbrechungen: Wird man während seiner Tätigkeit unterbrochen oder unterbricht sich selbst (Stichwort: „Ich mache Multitasking“) benötigt man anschließend wieder 15 Minuten, um voll reinzukommen. Man kann sich ausrechnen, was das für eine konzentrierte Bearbeitung von Themen bedeutet. Andere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass eine Unterbrechung von drei Minuten aus einer Tätigkeit eine zweiminütige Konzentration bei Rückkehr zu der Aufgabe erfodert. Auf diese Weise kommt schnell 40% der täglichen Arbeitszeit zusammen, die durch Multitasking bzw. Arbeitsunterbrechungen verloren geht.

Die Folgen von Multitasking

Persönliche Leistungsfähigkeit und Multitasking

Die persönliche Leistungsfähigkeit kann durch Multitasking stark beeinträchtigt werden. Eng verbunden mit dieser Leistungsfähigkeit ist dabei das persönliche Wohlbefinden. Denn wer sich als leistungsfähig einschätzt erhöht damit automatisch sein Wohlbefinden. Umgekehrt kann Multitasking dazu führen, dass man seine gesteckten oder erhaltenen Ziele (Arbeitsaufträge) nicht mehr schafft und sich auf diese Weise immer mehr unerledigte Arbeit auf dem Schreibtisch stapelt.  Das kann zu chronischem Stress führen und ist damit hochgradig ungesund, ja gesundheitsgefährdend.

Und was bedeutet „Multitasking“ für die Volkswirtschaft?

Die Folgen für jeden Einzelnen lassen sich aufsummieren. Einige Studien kommen sogar zu dem Ergebnis, dass Multitasking die globale Wirtschaft über 450 Milliarden US-Dollar kosten würde. Ob das wirklich so drastisch und einzeln herauszurechnen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedoch kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass das ständige Hin- und Herspringen zwischen den Aufgaben insgesamt länger dauert, als wenn ich die einzelnen Aufgaben hintereinander erledigen. Und besser fühle ich mich dabei und hinterher sowieso.

Clay Shirky verbietet Smartphones und Tablets

Der bekannte Autor und Analyst von Technologie-Entwicklungen, Clay Shirky lehrt an der Universität New York Theorie und Praxis von sozialen Medien. Sein Buch „Here comes everybody“ dürfte in Social Media Kreisen eine gewisse Berühmtheit erlangt haben. Von Haus aus sollte er also keine Probleme mit Smartphones und Tablets haben, mit denen die Studeten permanent „on“ sind. Doch in diesem Semester hat er die Geräte aus seinen Vorlesungen verbannt. Die Folge: Gespräche und Diskussionen wurden lebhafter und tiefgründiger. Die Studierenden waren wieder bei der Sache und konzentrierten sich auf eben diese Vorlesung und wurden nicht permanent abgelenkt.

Multitasker können irrelevante und wichtige Aufgaben schlechter unterscheiden

Eine Studie der Stanford University ergab, dass praktizierende „Multitasker“ unter anderem nicht so gut in der Lage waren, irrelevante von relevanten Aufgaben zu unterscheiden. So nutzen Menschen, die häufig von einer Aufgabe zur nächsten springen ihre zerklüftete Zeit auch noch für unwichtige Dinge. Katastrophal, wie ich finde. Denn Menschen, die vermeintlich virtuos mit unterschiedlichen Aufgaben und Informationseinflüssen umzugehen in der Lage zu sein scheinen, fallen regelmäßig darauf rein, unwichtige Dinge zu erledigen. Die Studie bezieht sich auf ein gesellschaftliches Phänomen des Medien-Jongleurs, der neben dem Telefonanruf noch E-Mails checked oder anderweitig Informationen aufnimmt. Um diese Zeilen konzentriert zu schreiben, habe ich übrigens den Fernseher kurz ausgeschaltet. 😉

Wie vermeidet man Multitasking?

Natürlich gibt es auch einige Tipps und Tricks, wie man der „Multitasking-Falle“ entkommen kann. Dabei ist zunächst nach der Art der Arbeitsunterbrechung zu unterscheiden.  Selbst gewählte Arbeitsunterbrechungen obliegen einem selbst.

Selbst gewählte Arbeitsunterbrechungen vermeiden

Schaffe dir selbst ein Arbeitsumfeld, in dem Ablenkungen während einer Tätigkeit auf ein Minimum reduziert werden:

  1. Schalte das Telefon auf stumm und beantworte die Anrufe zu einem späteren Zeitpunkt.
  2. Beende alle unnötigen Browserfenster (z.B. Facebook oder andere soziale Netzwerke)
  3. Deaktiviere die Mail-Benachrichtigungen und bearbeite E-Mails später besser nach einer anderen Methode, als ständig durch das Aufpoppen von kleinen Fenstern abgelenkt zu werden.
  4. Wo möglich: Schalte den PC ganz aus und arbeite mit Papier und Stift – z.B. bei der Konzeption von Präsentationen, Ideen usw. Die Reinarbeit kann dann später am PC erfolgen. Auf diese Weise entgeht man der Versuchung, „nur kurz mal auf Facebook“ zu schauen und seine Zeit damit zu vertrödeln. Außerdem ist der Inhalt eines Konzepts wichtiger als die Form – und wer das auf dem Papier macht, kommt erst gar nicht in die Versuchung, Word oder Powerpoint (Ich sage nur „Animationen“) durchzuklicken, um irgendeinen Teil des Konzepts schön zu machen. Das kostet nur Zeit, ist aber die Kür und nicht die Pflicht.
  5. Nutze das Konzept von Timeboxing oder Pomodoro. Dabei werden überschaubare Zeitfenster genutzt, die nur der einen – vorher festgelegten Aufgabe – gewidmet sind. Auf diese Weise kann man ganz einfach konzentriert arbeiten. Wer mag, kann Pomodoro auch mit Lego spielerisch für sich entdecken.

Infografik zum Mythos Multitasking

The High Cost of Multitasking

by kikikarpus.
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