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Wann vergeht Zeit schnell? Jeder kennt die Situation aus eigener Erfahrung: Man ist in einer Tätigkeit versunken und ehe man es sich versieht, ist die Zeit ganz schnell vergangen. Man hat gar nicht gemerkt, wie die Stunden verstrichen sind. Doch woran liegt das eigentlich?

Auch anders herum kann es gehen: Es gibt Dinge und Situationen, da vergeht die Zeit überhaupt nicht. Ich denke da an Situationen, die mit Warten zu tun haben: Beim Arzt, auf dem Bürgeramt (KFZ anmelden) oder ähnliche Situationen. Das subjektive Zeitempfinden kann mitunter stark von der tatsächlich verstrichenen Zeit abweichen.

Wann vergeht Zeit schnell?

Zeit vergeht (subjektiv) unterschiedlich schnell und das liegt, so Robert Levine, der sich mit dem Phänomen Zeit intensiv beschäftigt hat, im Wesentlichen an fünf Faktoren: ob man angenehme Erfahrungen macht, wie der Grad der Dringlichkeit empfunden wird, wie hoch der Grad der eigenen Aktivität ist, Abwechslung und zeitfreie Aufgaben.

Angenehme Erfahrungen lassen die Zeit schneller vergehen

„Wähle einen Beruf den du liebst und du braucht keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.“ Konfuzius

Je angenehmer eine Erfahrung für jemanden ist, desto schneller vergeht die Zeit für diese Person. Jeder kann dies in privatem und beruflichem Umfeld sicherlich erinnern: die angeregte Unterhaltung auf einer Party vergeht wie im Flug oder bei einer erfüllenden Tätigkeit vergeht die Zeit ganz subjektiv viel schneller. Anders herum ist es durchaus eine Qual, wenn man seine Zeit auf der Arbeit einfach nur „absitzt“. Dann fühlen sich die Minuten wie Stunden an und am Ende des Tages ist man froh, „es hinter sich gebracht zu haben“. Im übrigen: Wer diese Einstellung zu seiner Arbeit hat, sollte über einen Jobwechsel nachdenken.

Angenehme Erfahrungen kann man übrigens – insbesondere im beruflichen Umfeld – sehr gut selbst herbeiführen, z.B. indem man seine Projekte in kleine Teilschritte zerlegt und die Erledigung dieser Teilschritte zu kleinen Erfolgserlebnissen werden. Nachweislich sind diese kleinen Erfolge mit daran beteiligt, wie angenehm man eine Aufgabe einstuft.

Der Grad der Dringlichkeit lässt die Zeit schneller vergehen

„Je höher die Dringlichkeit verspürt wird, desto intensiver verspürt man das Vergehen der Zeit“ (Levine, S. 73). Man erinnere sich an seine eigene Kindheit und das Warten auf Weihnachten – die Zeit wollte einfach nicht vergehen bis zum Heiligabend und den langerwarteten Geschenken. Das Bedürfnis der Bescherung wurde als so dringlich empfunden, dass es direkten Einfluss auf das subjektive Zeitempfinden hatte. Genauso verhält es sich bei sehr menschlichen Bedürfnissen und dem Warten auf den Rettungswagen – die Zeit will und will einfach nicht verstreichen und wenn man dann auf die Uhr geschaut hat, sind nur wenige Minuten vergangen. Robert Levine schreibt dazu:

„Diese Dringlichkeitsregel erstreckt sich auf eine breite Palette von Bedürfnissen, von grundlegenden physiologischen bis zu den kulturell vorgegebenen Notwendigkeiten.“

Dringlichkeit kann natürlich auch künstlich erzeugt werden, z.B. in der Werbung. Befristete Angebote (Aldi: „Diesen Artikel führen wir nicht dauerhaft. Bitte bevorraten sie sich!“) sind ein solches Beispiel für erzeugte Dringlichkeit. Auch das nahende Auktionsende bei eBay lässt die Zeit anders verstreichen als vielleicht ein Angebot, welches immer verfügbar ist. Je dringender man einer Lösung oder einem Ereignis entgegen sehnt, desto langsamer vergeht die Zeit subjektiv.

Der Grad der Aktivität beeinflusst die Geschwindigkeit, mit der wir Zeit wahrnehmen

Man stelle sich folgende Situation vor: Man sitzt im Wartezimmer beim Arzt und muss noch objektiv 15 Minuten auf seinen Termin warten. Unglücklicherweise sind alle Zeitschriften (Schmidts Lesemappe) schon von den anderen Wartenden in Verwendung und auch der Datenempfang des eigenen Smartphones (Stichwort: Facebook) lässt auf Grund von Funklöchern zu wünschen übrig. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als Löcher in die Luft zu starren. Vermutlich werden das sehr lange 15 Minuten Wartezeit, denn der Grad der Aktivität bestimmt, inwieweit Zeit schnell vergeht. Wer aktiv ist, wird ein schnelleres Zeitempfinden haben, als jemand der nichts zu tun hat oder monotone Aufgaben verrichtet.

Levines Ansicht nach charakterisiert der Umgang einer Kulter mit Aktivitäten sehr treffend deren Einstellung zur Zeit:

„Fast überall in den Vereinigten Staaten betrachtet man Aktivität als etwas Gutes, während Nichtstun Verschwendung und Leere signalisieren“ (Levine, S. 76)

Mit anderen Worten: Selbst die „Frei“-Zeit wird bis ins Letzte durchgeplant. Müßiggang ist nicht mehr vorgesehen. Dies spiegelt sich (leider) auch immer häufiger in der Kindheit und Kindererziehung wider. Montag: Fußballtraining, dienstags Klavierunterricht, mittwochs reiten (oder Hockey), donnerstags lange Schule, Freitag dann vielleicht mal nichts (außer die Hausaufgaben der Woche nacharbeiten). Samstag und Sonntag sind dann mit Familienausflügen verplant – die müssen natürlich auch Event-Charakter haben: Zoo, Freizeitpark, Kletterhalle usw. Zeit für freies Spiel und Langeweile – ein wesentlicher Motor für kreative Entwicklung bleiben auf der Strecke. Immerhin: Die Kinder werden nicht das Gefühl haben, dass die Zeit langsam vergeht.

In anderen Kulturen sieht das ganz anders aus. In viele asiatischen Kulturen beispielsweise wird das Warten als sinnvolle und notwendige Phase vor einer Aktivität gesehen. Dann wiederum gibt es Länder wie Nepal oder Indien, in denen es an der Tagesordnung ist, sich zu besuchen und während der Besuchszeit zu schweigen bis irgendwann ein Gespräch entsteht. Anschließend wird dann auch gerne wieder länger geschwiegen. Keiner empfindet dies als verlorene Zeit.

Abwechslung beschleunigt die Zeit

„Je größer die Abwechslung, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Ein Mangel an Abwechslung ist eine Grundkomponente der Langeweile, die wiederum ihrer Definition nach eine psychisch so wahrgenommene Verlangsamung der Uhr ist.“ (Levine, S.79)

In modernen Industriegesellschaften ist das Bedürfnis nach Abwechslung besonders ausgeprägt. Dies zeigt sich beispielsweise an Branchen wie der Textilindustrie oder dem Mobilfunktmarkt: Bis zu vier Mal pro Jahr wird die Mode neu definiert. Was gestern noch en Vogue war, ist heute hoffnungslos veraltet. Nicht umsonst erwarten die Kunden von T-Mobile und Co. regelmäßig ein neues Smartphone. War der Zyklus bisher zwei Jahre, so hat Vodafone vor Kurzem damit geworben, dass man nun alle zwölf Monate sein Smartphone austauschen könne.
Apropos Smartphone: Die Aufmerksamkeitsspanne, die (junge) Menschen mit Smartphone zusammenhängend einer Tätigkeit entgegen bringen können (oder wollen) liegt bei ca. 7,5 Minuten. So lange sind die Zeitabstände, die während eines Tages zwischen dem Einschalten eines Smartphones liegen. Das wird nämlich durchschnittlich 135 Mal(!) am Tag eingeschaltet, wie N24 zu berichten weiß. Ob das Smartphone in der Schule genutzt werden darf und wenn ja zu welchen Zwecken, ist unter Eltern und Lehrern ebenfalls umstritten. Fakt dürfte jedoch sein, dass immer weniger Menschen in der Lage sind, sich länger ohne Unterbrechungen einer Tätigkeit zu widmen – immer wieder wird der Takt unterbrochen. Dabei wäre gerade das eine wichtige Ursache zur Beantwortung der Frage: Wann vergeht Zeit schnell?

Zeitfreie Aufgaben – Go with the flow

Der Biopsychologe Roger Sperry hat sich mit dem Zusammenspiel und den primären Aufgaben der beiden Gehirnhälften auseinandergesetzt und für seine Forschungen 1981 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Kurz gesagt: Die linke Gehirnhälfte kümmert sich primär um das Ordnen und Strukturieren sowie analytisches Denken, während die rechte Gehirnhälfte für die nonverbalen Aktivitäten wie z.B. Malen oder Musizieren. Dieser Gehirnbereich arbeitet ohne zeitlichen Bezug. Levine dazu:

„Wenn man sich mit Aufgaben beschäftigt, die vor allem das Denken der rechten Gehirnhälfte beanspruchen, hat man Schwierigkeiten, die Dauer richtig einzuschätzen.“

Dieses Phänomen lässt sich besonders gut an Kindern beobachten, die häufig so intensiv in ihr Spiel versunken sind, dass Raum und Zeit um sie herum verloren geht.  Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi [‚mihaːj ‚tʃiːksɛntmihaːji] charakterisiert diesen Zustand als „Flow“ – die Menschen stehen scheinbar außerhalb von Zeit und Raum und man hat sich komplett dieser Aufgabe verschrieben. Minuten können zu Stunden werden. „Die Uhr ist dann keine Entsprechung für die zeitliche Qualität der Erfahrung mehr.“

Das Paradox mit der Erinnerung und dem Zeitempfinden

Nun haben wir also fünf wesentliche Ursachen dafür, warum Zeit subjektiv mal schneller und mal langsamer vergeht. Geht man nun eine Ebene höher und schaut auf die Zeitwahrnehmung während eines Lebens, so kann man feststellen, dass in späteren Jahrzehnten des Lebens die Zeit immer schneller zu vergehen scheint. Als Ursache ist dabei – so DIE ZEIT in dem Artikel „Warum vergeht die Zeit im Laufe des Lebens immer schneller?“ – ist dabei die zunehmende Monotonie maßgeblich:

„Unsere Wahrnehmung ist paradox: Gerade dann, wenn man wenig erlebt hat, fühlt es sich im Nachhinein so an, als sei die Zeit besonders schnell vergangen.“

Dabei haben wir doch gerade erfahren, dass die Zeit bei monotonen Tätigkeiten eigentlich als ziemlich zäh empfunden wird. Wie passt das zusammen? Heiko Hecht von der Universität Mainz schreibt dazu in dem Online-Artikel „Mal vergeht die Zeit wie im Fluge, mal langsam – warum?“:

„Das Gefühl für Zeit ergibt sich also aus der Intensität und persönlichen Beurteilung eines erlebten Moments. Ein anderer wesentlicher Teil besteht aus der Erinnerung. Rückblickend wird das Zeitempfinden interessanter Weise genau in das Gegenteil gekehrt: Intensive Erlebnisse, die im Moment zu rasen scheinen – wie zum Beispiel ein schöner Urlaub – erscheinen im Nachhinein wie ausgedehnt.“

Daniel Kahneman spricht in diesem Zusammenhang von dem „erlebenden Selbst“ und dem „erinnernden Selbst“. Die erste Wahrnehmung bezieht sich auf das aktuelle Erleben einer Situation, die zweite Wahrnehmung auf die Erinnerung daran. Und die sind voneinander gänzlich unterschiedlich. Wenn wir also diesen vermeintlichen Widerspruch hören werden hier die beiden Seiten der gleichen Medaille betrachtet. Levine spricht im Wesentlichen von dem erlebenden Selbst während im zweiten Teil das erinnernde Selbst der maßgebliche Treiber für die subjektive Wahrnehmung ist.

Anmerkung zu den Forschungen von Roger Sperry: Die beiden Gehirnhälften arbeiten natürlich nicht autark voneinander, sondern es handelt sich immer um ein Zusammenspiel.
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