Wie unterscheidet sich das Erleben einer Situation mit der Erinnerung an die Situation? Dieser Fragestellung ist der renommierte Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman nachgegangen und hat dabei Bemerkenswertes herausgefunden: Das Erleben einer Situation wird mitunter völlig anders vom Gehirn bewertet als die daran geknüpfte Erinnerung.Daniel Kahneman, Autor von „Thinking, fast and slow“ ist Psychologe und Träger des Nobelpreises für Wirtschaft und hat sich mit den Denkprozessen im menschlichen Gehirn befasst und daraus seine neue Erwartungstheorie (Prospect theory) entwickelt. Ein Teilbereich seiner Forschung handelte von dem menschlichen Umgang mit Erinnerungen und welchen Einfluss dies auf unsere Bewertung eines Ereignisses und auf zukünftige Erwartungen hat.

In einer Studie wollten Kahneman und der Psychologe Don Redelmeier herausfinden, welche Bedeutung die Zeitdauer eines Ereignisses bei der späteren Erinnerung und Bewertung des Ereignisses hat. Ausgangspunkt war die Annahme, dass ein Ereignis, welches doppelt so lange dauert auch doppelt so gut (oder schlecht) bewertet wird. Ein Beispiel: Julia verbringt eine Stunde am Strand und genießt die Sonne. Würde Julia zwei Stunden am Strand verbringen, würde sie den Nutzen doppelt so hoch bewerten. Anders herum würde also ein negatives Erlebnis welches nur halb so lange dauert, wie ein anderes auch entsprechend weniger schlimmer in der retrospektiven Bewertung dastehen. Ist das wirklich so, wollten die beiden Psychologen wissen.

Die Peak-End-Rule (Höchststand-Ende-Regel)

Um das herauszufinden, hat Redelmeier Patienten während einer schmerzhaften Therapie gebeten, auf einer Skala von 0 (kein Schmerz) bis 10 (sehr starker Schmerz) anzugeben, wie hoch der Schmerz im jeweiligen Zeitabschnitt bewertet wird. Dies wurde alle 60 Sekunden gemacht. Dabei sind Kurven wie die unten stehenden herausgekommen. Im Anschluss an die Behandlung wurden die  Patienten gebeten, die „Summe“ des Schmerzes anzugeben. Überraschenderweise hatten die Zeit und der „Gesamtschmerz“ während dieser Zeit keinen Einfluss auf die Bewertung duech den Patienten. Vielmehr kristallisierten sich zwei Muster heraus.

  1. Höchststand-Ende-Regel (Peak-End-Rule): Die allgemeine Bewertung der Behandlung richtete sich bei den Patienten nach dem Empfinden während des schlimmsten Momentes und dem Ende der Behandlung.
  2. Die Dauer der Behandlung (des Ereignisses) hat keinen Einfluss auf die Bewertung.

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In der oben stehenden Abbildung hat Patient A eine Behandlungsdauer von unter 10 Minuten,  Patient B nahezu doppelt so lange. Das Schmerzempfinden während der Behandlung wird als Fläche unter dem Graphen dargestellt. Beide Patienten haben als schmerzhaftesten Punkt der Behandlung eine 8 vergeben. Dennoch haben Patienten wie B eine positivere Erinnerung an die Behandlung als Patienten wie A. Der Unterschied liegt im Ende. Während Patient A mit einem starken Schmerz aufhörte, hatte Patient B das Glück, mit einem geringen Schmerz aufzuhören.

Erlebendes Selbst und erinnerndes Selbst

Kahneman spricht im Zusammenhang mit diesen Erkenntnissen von zwei „Selbst“ (selves): dem erlebenden Selbst und dem erinnernden Selbst. Das erlebende Selbst ist daran interessiert, dass der aktuelle Moment besonders schön sein sollte. Das erinnernde Selbst funktioniert hingegen wie oben beschrieben. Man denke an einen wunderschönen Skiurlaub. 14 Tage Sonnenschein, blauer Himmel, beste Pistenbedingungen. Es macht dauerhaft Spaß, Ski zu fahren. Am letzten Tag jedoch die Ernüchterung: Bei einem Sturz verletzt man sich das Kniegelenk. Das Ereignis „Skiurlaub“ endet also mit einem negativen Erlebnis. Obwohl das „erlebende Selbst“ 13 Tage beste Laune erlebt hat, wird das „erinnernde Selbst“ zu einem späteren Zeitpunkt den Skiurlaub (negativer) bewerten, als dieser in Summe war. Das erlebende Selbst unterscheidet sich in dieser Hinsicht diametral vom erinnernden Selbst. Kahneman selbst schlägt in seinem TED-Talk (siehe Video unten) vor,  dass die Behandlung von Patient A zum Ende hin einfach verlängert werden sollte ohne weitere große Schmerzen zu verursachen.

Das erinnernde Selbst akzeptieren

Wie kann man nun die Macht dieses „erinnernden Selbst“ für sich nutzen? Positiv denkende Menschen können das Wissen um die Höchststand-Ende-Regel nutzen, um z.B. bewusst positive Höhepunkte eines Ereignisses herbeizuführen und auch darauf achten, dass das Ende (z.B. der Urlaub) ebenfalls positiv verläuft. Ich selbst habe dabei gute Erfahrungen damit gemacht, dass ich die positiven Dinge eines Tages am Abend für mich aufschreibe. So fokussiere ich mich auf die Dinge, die mir Freude gemacht haben oder die mir gut gelungen sind.

In Gesprächssituationen ist die Höchststand-Ende-Regel ebenfalls (unbewusst) relevant: Selbst bei Konfliktgesprächen sollte ein positiver Abschluss gefunden werden. Diese Weisheit von Kommunikations-Coaches bekommt mit der oben genannten Erkenntnis eine besondere Bedeutung.

Ich selbst würde lügen, würde ich einem zweiwöchigen Urlaub nicht den Vorzug über einem Kurztrip geben würde. Der Erholungsfaktor (der außerhalb der hier gemachten Betrachtungen liegt) ist natürlich ein anderer (besserer). Für die spätere Erinnerung an den Urlaub ist die Länge jedoch irrelevant. Ein Kurztrip kann also ebenso wertvoll für das erinnernde Selbst sein wie ein Jahresurlaub.

Im oben genannten Beispiel einer schmerzhaften Therapie leiten Pharmaunternehmen und Ärzte daraus einen durchaus interessanten Ansatz für zukünftige Behandlungsmethoden ab: Es werden Medikationen entwickelt, die zu Gunsten eines weniger ausgeprägten „Peak-Empfindens“ durchaus länger dauern können. Zum Ende der Therapie wird dann bewusst auf einen möglichst schmerzfreien Abschluss geachtet.

Die Macht der Erinnerung lässt sich an einem weiteren Beispiel gut beobachten: Jeder, der sich schon einmal durch einen langen, anstrengenden Dauerlauf gequält hat, wird während des Laufes (erlebendes Selbst) die Alternativen zum Laufen durchdacht haben (auf dem Sofa sitzen). Nach erfolgreicher Beendigung mit einem positiven Ende wird die Erinnerung an den Lauf jedoch ganz anders aussehen. Das erinnernde Selbst würdigt den Lauf also anders als das erlebenede Selbst.

Das erinnernde Selbst relativieren

Wenn man weiß, dass das erinnernde Selbst eine Lebensphase / eine Geschichte immer nach der Höchststand-Ende-Regel bewertet, kann man dies auch bei einem schlechten Ausgang entsprechend relativieren. Man nehme als Beispiel eine Ehescheidung. Eine Scheidung zeichnet sich ja eben dadurch aus, dass eine (durchaus in der Summe positive) Geschichte ein unangenehmes Ende findet. Wer nun aber zu dem Schluss kommt, dass die gesamte Ehe schlecht war, hat möglicherweise ein erinnerndes Selbst vor sich, welches von dem erlebenden Selbst abweicht. Es bietet sich also hier die Gelegenheit, in positiver Hinsicht zu relativieren. Dies gilt z.B. auch für den oben erwähnten Ski-Urlaub.

TED-Talk mit Daniel Kahnemann zum Thema „Peak-End-Rule“

Daniel Kahneman hielt 2010 einen TED-Talk, in dem er sich explizit mit dem Phänomen des erlebenden und erinnernden Selbst beschäftigt. Kahneman referenziert dabei auch auf eine Gallup-Studie zum Thema Glück. Interessant dabei: Das erlebende Selbst bewertet Glück in Korrelation am Einkommen weniger stark als das erinnernde Selbst. Ist es langfristig also doch klug, nach mehr Geld zu streben? Ich bezweifle das.