Fotofasten steigert den Erinnerungswert
Fotofasten: An einer Sehenswürdigkeit nur ein einziges Foto aufzunehmen. Ein ungewöhnlicher Gedanke in Zeiten von Digitalkameras und Smartphones mit denen man mühelos hunderte von Fotos macht – zumal für einen begeisterten Fotografen. Und dennoch: der Gedanke beschäftigt mich – und ich gewinne ihm viel Positives ab.

Was ist Fotofasten?

Der Ursprung des Fotofastens ist ein Ausdruck von Martin Liebmann, Vorstand des „Verein zur Verzögerung der Zeit„. Er hat im Kloster Frauenwörth am Chiemsee Touristen dazu aufgefordert, pro Kamera nur ein Foto aufzunehmen. Das Ergebnis, so DER SPIEGEL in Ausgabe 36/2014 lässt mich aufhorchen:

„Anschließend sagt er [Martin Liebmann], hätten sich etliche Menschen bei ihm bedankt – der Besuch habe ihnen völlig neue Perspektiven eröffnet. Manche waren zu Tränen gerührt.“

Wer viel fotografiert, erinnert im Zweifel weniger

Ich habe mein eigenes Fotografierverhalten einmal Revue passieren lassen – insbesondere wenn ich an besonderen Orten war. Ich habe jedes Detail fotografiert. Habe dabei oft nicht inne gehalten, um den Ort und eben diese Details auf mich wirken zu lassen. Stattdessen bin ich wie ein gehetztes Foto-Tier durch den Ort marschiert. „Ich fotografiere ja alles bis ins Detail, das kann ich mir dann zu Hause (am Rechner) in Ruhe ansehen“, so dachte ich mir manches Mal. Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir die Naturfototage in Fürstenfeldbruck. Gemeinsam mit einem Kollegen nutzen wir die Mittagspause, um uns die Klosterkirche Fürstenfeld anzusehen. Eine Vorzeigeprojekt katholischen Kirchenschmucks. Die Entstehungsgeschichte nicht minder interessant. Ich laufe von hinten nach vorne, immer mit der Kamera in der Hand. Mache Aufnahmen von allen Seiten und vielen Details. Meine Zeit nutze ich, mir diese Sehenswürdigkeit durch den Tunnelblick der Nikon anzusehen. Warum genieße ich nicht den Moment? Warum lasse ich die Geschichte nicht einfach auf mich wirken? 50 Fotos und wenig Bewusstsein wiegen im Nachhinein weniger als nur eine Handvoll Fotos und dafür die Erinnerung an das Ereignis.

Om Malik (newyorker.com) schreibt in seinem Artikel „In the Future, We Will Photograph Everything and Look at Nothing“ ebenfalls über die Veränderung der Seh- und Fotografiergewohnheiten und kommt zu dem ernüchternden Schluss:

„(…) we have come to a point in society where we are all taking too many photos and spending very little time looking at them.“

Im Nachhinein wird es eher schlimmer

Nun habe ich also von unzähligen Szenen und Sehenswürdigkeiten hunderte von (sehr ähnlichen) Fotos in Lightroom liegen. Ich bin wieder zu Hause und sichte meine Ausbeute. Ich merke, dass zwei Fragen an mir nagen:

  1. Welches Foto wähle ich, um daraus etwas zu machen (Blogfoto, Ausdruck, Bestandteil eines Fotobuchs)?
  2. Wie war das doch gleich, als ich vor Ort war? Was habe ich wirklich mitgenommen?

Ich gehe die Fotos in Lightroom durch: X, P, Tasten eins bis fünf. Der Auswahlprozess zieht sich. Manchmal habe ich so viele Fotos, dass ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe. Das passiert, wenn fotografieren (vermeintlich) nichts mehr kostet. Ich habe Fotoprojekte, die warten nur aus einem Grund auf Vollendung: Ich muss mir die Zeit nehmen, mit der sprichwörtlichen Machete durch den Fotodschungel zu kommen. Mittlerweile gibt es eine ganze Industrie rund um Software, die beim Katalogisieren und Auswählen der besten Fotos helfen soll. Wäre es nicht besser, von vornherein weniger und dafür bewusster zu fotografieren? Ich hätte dann schon so manches Fotobuch mehr im Regal stehen. Von meinem Erinnerungen ganz abgesehen.  Ähnlich sieht es übrigens der mehrfach ausgezeichnete Fotograf Patrick Opierzynski, der in dem Artikel „Entdecken und zur Ruhe kommen“ auf kwerfeldein.de eine Lanze für das „Sehen und Entdecken“ in der Fotografie bricht.

Auf der anderen Seite wieder die Maschinen-„Intelligenz“: Wenn man nur genügend Fotos in Google Photos oder ähnliche Dienste „wirft“, erkennt die Maschine unseren Stil, zu fotografieren und fängt an, die Bilder zu sortieren. Doch hilft uns das, eine echte Erinnerung an das Ereignis zu haben? Om Malik weiter:

„Google Photos, a service the company has fully committed to, is built to do just that—organize and enhance maddeningly large photo libraries. Upload your photos to Google’s Cloud and the program will sort through them, remove duplicates, pick out the best ones, tag them, build albums of your vacations, and create animated GIFs for you to share with others. The Assistant feature even edits your photos. The human just has to dump a lot of stuff in a pile; the machine takes care of the rest.“

Wer fastet, darf auch völlern

Ich nehme mir also ab sofort vor, auf Reisen weniger extensiv und inflationär zu fotografieren. Meine Mitreisenden dürfen mich gerne daran erinnern. Ich bestehe sogar darauf! Wahrscheinlich werde ich nicht nur ein Foto pro Kamera machen, aber ein paar weniger dürfen, ja müssen es schon werden.Ich mache jedoch eine Ausnahme: Wenn ich meinem Hobby, der Fotografie nachgehe, werde ich auch weiterhin die Speicherkarte voll machen, wird Lightroom qualmen. Das ist dann der Fall, wenn ich explizit sage: „Jetzt gehe ich raus und fotografiere“, z.B. die Strände von Sankt Peter-Ording oder die Semperoper in Dresden bei Nacht. Party on! Wer übrigens noch Ideen für Fotos auf seinen Sessions sucht, dem kann ich hier noch ein paar Anregungen geben: Ideen für Fotos und Fotoprojekte.

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