Dick oder Doof: Die Stiftung Lesen kooperiert mit McDonald’s

Wer jetzt für seine Kinder bei McDonald’s ein Happy Meal bestellt, bekommt statt eines sinnentleerten Plastikspielzeugs ein kleines Buch “geschenkt” – mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Lesen.
Ein nicht unumstrittener Deal.

Auf den ersten Blick möchte man als Eltern jubeln: Endlich gibt es etwas Sinnvolles als Dreingabe, wenn man schon dem Gequängel der Kleinen nachgibt und zu McDonald’s fährt, anstatt zu Hause vollwertig zu kochen. Auf den zweiten Blick entpuppt sich die Sache als ziemlich perfide: Foodwatch kritisiert – durchaus zu Recht, wie ich finde – das sich die Stiftung Lesen vor den Marketing-Karren des Fastfood-Konzerns spannen lasse und man als Eltern ja nun beruhigt öfter zur “Goldenen Möwe” fahren könne, weil man ja was für die Bildung tue. Dadurch, so Foodwatch bleibe jedoch der Aspekt ausgewogener Ernährung auf der Strecke. Man kann sich also aussuchen, ob man dick oder doof werden möchte. Die Sprecherin der Stiftung, Bettina Müller in der SZ dazu:

“Für uns steht die Verantwortung von McDonald’s für gesunde Ernährung nicht im Fokus des Projekts”, sagt Sprecherin Bettina Müller zu Süddeutsche.de

Mit anderen Worten: Der Stiftung Lesen ist die Ernährung der Kinder piepegal weniger wichtig als das Lesen können. Für eine Stiftung, die sich im Kontext der Gesellschaft bewegt, eine (Achtung Kalauer) interessante Gewichtung der Interessenlage. Dann haben wir also nachher ein Heer von adipösen Fettsäcken, die zwar lesen können, dafür aber mit 40 an Diabetes oder Herzerkrankungen sterben? Wer den Film “Supersize Me”
aufmerksam verfolgt hat, weiß, dass extensiver Fastfood-Konsum auch zu Konzentrationsstörungen führen kann. Nicht die beste Voraussetzung für das Lesen. Es besteht also durchaus die Gefahr dick und doof zu werden.

Dabei ist das eigentliche Argument für die Kooperation ja durchaus sinnvoll:

Zitat SZ: “Über den Burger-Giganten könne man außerdem eine große und sehr “heterogene Bevölkerungsgruppe” erreichen, sagt Müller. “So können wir auch weniger bildungsaffine Leute mit Büchern in Berührung bringen, das ist sonst besonders schwer.””

Für mich bleibt dabei allerdings fraglich, ob “weniger bildungsaffine Leute” die Gratisbücher nicht einfach benutzen, um ihren wackeligen Couchtisch abzustützen, auf dem die (kreditfinanzierte) Spielkonsole für die Racker steht. Umgekehrt kommt bei mir die Vermutung auf, dass vielmehr “bildungsnahe Menschen” dazu gebracht werden sollen, öfter bei McDonald’s einzukaufen als bisher (“Ist ja gar nicht so schlimm, man bekommt auch ein Buch”). Ohne eine fundierte Befragung und Analyse der Kampagne durch die Stiftung Lesen bleibt die Frage der Wirksamkeit wohl unbeantwortet.

Bliebe noch das Argument, dass McDonald’s in der Tat eine sehr hohe Reichweite bei den  Jugendlichen hat. Ich unterstelle aber mal, dass die Schulen das auch noch haben (Schulschwänzerei mal außen vor). McDonald’s hätte also – wenn sie denn so Gutmenschen sind – einfach auch schulnahe Projekte fördern können, ohne dabei an FastFood-Verkauf zu denken. An den Schulen Hamburgs beispielsweise verrichten die Leselernhelfer von Mentor einen sehr guten Dienst. Diese Organisationen bedürfen dabei einer finanziellen Förderung. Dies wäre sicherlich eine Möglichkeit gewesen, das Projekt “Lesen fördern” auch vom Produktkauf zu entkoppeln. Allerdings wäre das wohl nicht im Sinne des Sponsors, der plant, bis Ende September 4 Mio. Happy Meals abzusetzen.

Der Autor geht im Übrigen auch gerne mal in genannte Lokalität, allerdings nicht, um zu lesen und auch nicht täglich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.