Bonn – immer eine Durch-Reise wert

For Sale - Delegationen aus Kuala Lumpur können in Bonn günstig shoppen

Ich komme um 21.40 Uhr am Hauptbahnhof Bonn an, steige aus dem IC, der Richtung Frankfurt weiterfährt. Es erwarten mich drei verwaiste Gleise und einen kleinen Bahnhof mit Untertunnelung – so vertrauenserweckend solche neon-beleuchtenden, orange gekachelten und mit dicken Edding beschmierten Fußgängertunnel um diese Zeit eben sein können. All inklusive – auch die Graffitis. Kaum zu glauben, dass Bonn mal die pompöse Bundeshauptstadt war. Repräsentativ ist anders.

Ich trete also aus dem Bahnhofstunnelsystem Richtung Innenstadt, in der Hoffnung, noch etwas zu essen zu bekommen. Einzig der McDonald’s (den es laut Google Maps im engsten Umkreis dreimal gibt) hat noch geöffnet. Ein wahrer Prachtbau der Fast-Food-Kultur. Ich habe selten einen größeren und pompöseren McDonald’s gesehen. Ich stelle mir vor, wie eine Delegation Volksvertreter aus Kuala Lumpur in Bonn mit dem Zug ankommt und von graffitisprayenden Jugendlichen zum Fast-Food-Tempel gebracht wird. In Zeiten von Guido Westerwelle als Außenminister vielleicht gar nicht so abwegig…

Das Hotel, in dem ich wohne, ist gut und komfortabel, keine Frage. Dennoch scheint auch hier ein wenig die Zeit stehengeblieben zu sein: Ich erhalte einen überdimensionalen Hotelzimmerschlüssel mit goldfarbenem Totschläger als Anhänger statt einer praktischen Chipkarte. Im Zimmer 503 angekommen erwartet mich eine edle, jedoch dunkelbraune, etwas antik wirkende Einrichtung. Der Schreibtisch hat eine eingebaute Schreibtischunterlage aus Leder – praktisch, wenn man sein Büttenbriefpapier und seinen Montblanc-Füller herausholen möchte, um seinen Angestellten ein paar Arbeitsanweisungen per Post zukommen zu lassen. Leider fehlen jedoch die sonst üblichen Steckdosen in Schreibtischnähe, um Laptop, Smartphone und iPod aufzuladen. Auch sonst ist im gesamten Raum nur eine Steckdose zu finden – im Flur, dort wo die Servicekraft ihren Staubsauger immer einsteckt.

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Am nächsten Abend, gegen 18 Uhr, unternehme ich einen Streifzug durch die naheliegende Innenstadt. Ich komme auf den sehr großen Marktplatz. Die Geschäfte drumherum kommen mir bekannt vor: Karstadt, Galeria Kaufhof, Maredo, eine Postfiliale und weitere Ketten wie z.B. Strauss oder Butlers. Keine Gastronomie-Auswahl, jedenfalls fällt sie nicht auf. Wo gehen die Delegierten aus Kuala Lumpur bloß am zweiten Tag essen? Maredo?

Irgendwie ist es eine ernüchternde Erkenntnis: Da blickt Bonn auf eine 2.000 Jahre alte Geschichte zurück, war Bundeshauptstadt und die Gastronomieszene ist allenfalls proviniziell – zumindest aus der Sicht eines Durchreisenden. Zurück bleibt die Erinnerung an zwei Tage McDonald’s und einem Bahnhof, der auch in Delmenhorst nicht aufgefallen wäre. Vielleicht habe ich aber auch nur die falschen Ecken besucht und diese Stadt auf dem falschen Fuß erwischt. Gerne lasse ich mich eines Besseren belehren.

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