Tsunami in Japan: Unser Informationsverhalten ändert sich

Als am 11.3.2011 ein Erdbeben und ein sich anschließender Tsunami weite Teile Japans trafen, habe ich zunächst über den üblichen Nachrichtenweg auf dem Weg zur Arbeit davon erfahren. Die Nachrichten im Radio notierten das Ereignis allerdings nur kuzr. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, wie sich die Geschehnisse im Verlauf der nächsten Stunden und Tage verändern sollten und welche Dramatik sich in Fukushima entwickeln sollte. Im Laufe des Tages erfuhr ich dann vorwiegend über Social Media Dienste von den neuen Entwicklungen. Eine Entwicklung, die es 2001 beim Anschlag auf die Twin Towers noch nicht in diesen Ausprägungen gab.

Erster Newsfeed über Twitter

Schon beruflich bedingt läuft bei mir der Twitter-Stream immer mit und natürlich dominierten die Hashtags #earthquake und #tsunami auch die Tweets meiner Twitterer, denen ich folge, darunter auch einige Nachrichtenportale. (Später sollte dann das Hasthag #fukushima hinzukommen). Das eigentliche Außmaß bzw. die Entwicklung der Ereignisse konnte ich dann über Twitter auch als erstes erfahren. Es wurden Videos von der Tsunami-Welle verlinkt, genauso wie die Einrichtung von Livetickern bekanntgegeben wurden. Da jeder einen etwas anderen Informationsstand hatte, wurde ich auch auf Einzelaspekte aufmerksam: So wurde z.B. auch gepostet, wie unfassbar man es finde, dass ein ganzer Personenzug als vermisst gemeldet wurde. (Wie später bekanntgegeben wurde, tauchten alle vermissten Personenzüge wieder wohlbehalten auf).

Ich habe jedoch bzgl. Twitter eines für mich ganz deutlich erkannt: Twitter ohne andere Dienste wie Nachrichtenportale, YouTube etc. kann nicht funktionieren. 140 Zeichen dienen allenfalls dazu, auf andere Quellen zu verweisen und neue Aspekte „anzuteasern“. Dies haben natürlich auch die „klassischen“ Medien erkannt, weshalb jedes Nachrichtenmagazin oder jeder Sender mittlerweile über Twitter-Streams verfügt. Diese wurden dann auch – ergänzt um eigene Kommentare – oft retweeted. Aber gerade die persönlichen Kommentare der Menschen haben mich dazu animiert, einen weiterführenden Link zu klicken.

YouTube und andere Bewegtbilder – schneller als jeder Nachrichtensender

„Twitter teasert – YouTube broadcastet“ – so könnte die Mechanik bei den Ereignissen rund um das japanische Seebeben beschrieben werden. Dies trifft übrigens auf eine Vielzahl von anderen schwerwiegenden Ereignissen wie die Revolutionen in Tunesien und Ägypten aber auch dem Bürgerkrieg in Lybien zu.

Das meiste Videomaterial zu Beginn der Berichterstattung über die Naturkatastrophe in Japan habe ich auf YouTube gesehen. Was nun zu dem Schluß führen könnte, dass klassische TV-Stationen nicht mehr vonnöten wären. Das ist aus meiner Sicht jedoch deutlich zu kurz gedacht. Eine Vielzahl der Videos, die ich zum japanischen Tsunami gesehen habe waren Luftaufnahmen der großen Sender wie dem japanischen NHTC oder der britischen BBC. Hier war lediglich der Verbreitungsweg ein anderer als das Broadcasting über TV.

Social Media – auch auf Nebenschauplätzen

Ein neuer und sicherlich nicht zu unterschätzender Aspekt ist der Bereich Social Media. Nachrichten werden kommentiert und über soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook weiterempfohlen. Auf YouTube finden viele Amateueraufnahmen Eingang, die dann wiederum von den großen Newsportalen und Nachrichtensendern gezeigt werden. So erhält man schnell ein mehr oder weniger authentisches Bild von der Lage vor Ort. Ein besonders wichtiger Aspekt weniger bei Naturkatastrophen als vielmehr noch bei Bürgerkriegen, wo auch eine Propagandaschlacht geschlagen wird. So können an Zensur vorbei realistische Einschätzungen der Lage vor Ort vorgenommen werden.

Social Media als Kommunikationsmittel in der Krise

Im Fall des japanischen Erdbebens bekommen Social Media Kanäle noch ein weitere wichtige Funktion, die andere Portale – auch Suchmaschinen wie Google – nicht erfüllen können. So schreibt der britische Telegraph darüber, wie die Echtzeitmedien Facebook und Twitter, die auch über Mobile erreichbar sind, helfen, Kontakt zu Verwandten aufzunehmen. Auch offizielle Behörden nutzten Twitter, um Notfall-Nummern zu publizieren. Vorteil dieser Medien: Sie benötigen nicht unbedingt eine Broadband-Connection und sind daher auch in zerstörten Infrastrukturen nutzbar.

Social Media wird jedoch auch benutzt, um Beiträge etablierter Medien oder andere Social Media Beiträge zu bewerten. So verbreitete sich in Windeseile über Twitter die vom ZDF zusammengeschnittenenen Bilder der Naturkatastrophe, die musikalisch mit dem Song „Teardrop“ von Massive Attack hinterlegt waren. Die Inszenierung einer Naturkatastrophe als Popsong… Ein Sturm der Entrüstung lief durch Twitter und Facebook und auch die etablierten Medien wie DIE ZEIT griffen das Thema auf.

Die Lufthansa konnte auf ihrer Facebook-Seite einen Image-Kollateralschaden feststellen. Zu einer Zeit, als bereits die Verwüstung des Tsunamis in Japan bekannt war, wurde ein Post zum Thema „Wir feiern ein 1jähriges Jubiläum einer Europa-Verbindung“ entsprechend von den Usern kommentiert und der Lufthansa wurde Taktlosigkeit vorgeworfen:

Eintrag und Kritik auf der Lufthansa Facebook-Seite nach dem Tsunami in Japan

Geändertes Kommunikationsverhalten und dessen Folgen

Mein Informationsverhalten, welches bei „großen“ Ereignissen wie dem Erdbeben in Japan „sichtbar“ wird, hat sich in zwei Aspekten verändert:

Neben den News-Streams der Nachrichtenportale bieten Social Networks die Möglichkeit, aus der Flut der Nachrichten die herauszufiltern, die einem durch persönliche Kommentare der Nutzer besonders interessant erscheinen. Wie bei Produktempfehlungen werden so Nachrichten bzw. Schlagzeilen und Themen empfohlen. Eine wie ich finde ungeheure Kraft.

Des Weiteren – und dies hängt direkt mit dem Empfehlungscharakter zusammen – müssen auch etablierte Nachrichtenprotagonisten wie Sender oder Unternehmen darauf achten, in welchen Kontexten mit Nachrichten und Informationen umgegangen wird. Im Falle der Lufthansa wurde diese kritisiert, obwohl – oder gerade weil – sie das Thema „Erdbeben in Japan“ nicht aufgegriffen haben. Es wurden Spaßaktionen gepostet wo Ernsthaftigkeit von den Nutzern erwartet wurde. Dies wurde entsprechend kommentiert. Im schlimmsten Fall kann dies zu einem dauerhaften Imageverlust führen. Das ZDF hatte sich mit der musikalischen Inszenierung von Katastrophenbildern verschätzt – ein wie ich finde vermeidbarer Fehler, da das ZDF hier den Kern einer Nachricht selbst „manipuliert“ hat.

 

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